Ein spontaner Ausflug zum Barcamp Caspian nach Baku / Aserbaidschan

Aserbaidschan. Nicht unbedingt das alltägliche Urlaubsziel. Umso mehr hat mich die Ankündigung für das Barcamp Caspian gereizt. Nach einem schönen Barcamp in Riga im letzten Jahr, hatte ich mir für dieses Jahr ein weiteres neues Land vorgenommen. Also Donnerstag morgen Ticket gebucht, neuen Reisepass geholt und am gleichen Abend in die Aeroflot-Maschine geschwungen. Kurze Zeit später langer Aufenthalt in Moskau – ein Flughafen ohne Lüftung, aber vielen Raucherinseln. Dann weiter nach Baku zum Heydar-Aliyev-Flughafen. Leider etwas verschnupft. Von oben der erste Eindruck von Aserbaidschan: „Oh, sie bauen hohe Mauern um jedes Grundstück.“
Aber im Gegenteil: Die Aserbaidschaner sind äußerst offen, freundlich und zuvorkommend. Gleich am Flughafen wurde ich und Alex aus Moskau (im Flugzeug kannten wir uns noch nicht) von Amid abgeholt. Guter Service und gute Organisation! Vorbei ging es nun durch die schier endlosen Vororte Bakus – frische Hochhäuser so weit das Auge reicht, viele halbfertig und mittendrin die staubige Straße. Jeder fährt hier, was das Auto her gibt und wo die Lücke zwischen zwei anderen Wagen ausreicht. Ampeln sehen meist sehr futuristisch. Beachtung finden sie trotzdem keine.
Beim ersten Rundlauf durch Baku ein kleiner Schock. Nein, die Stadt ist schön. Ich bekomme nur den Eindruck, ich wäre der Einzige, der kein Russisch kann. Also erst einmal die Altstadt genießen.
Durch die engen Gassen ziehen sich Rauchschaden. Es ist faszinierend, aber auch etwas merkwürdig. Je näher wir dem Ufer zum Kaspischen Meer kommen, desto klarer wird es: Die Ursache ist Nebel. Und davon jede Menge. Er dringt mit hoher Geschwindigkeit in die Innenstadt und verdeckt oft ganze Gebäude – oder den Ölbohrturm, der noch am Ufer steht.
Abends gibt es dann die Willkommensparty. Jetzt sind deutlich mehr Leute dabei. Vor allem die aserbaidschanischen Teilnehmer. Das Barcamp-Caspian-Team hat für den Abend „eine der besten Bands Bakus“ organisiert. Und es stimmt. Sogar das von mir so gehasste „Don’t worry, be happy“ spielen sie in einer genialen Cover-Version. Die Stimmung steigt. Anders als bei deutschen Barcamps wird hier richtig getanzt – alleine, gemeinsam, jeder mit jedem, die ganze Gruppe, modern und traditionell. Ihren Höhepunkt erreicht die Stimmung bei Moscow never sleeps und vor allem bei Lezginka – ein traditionell aserbaidschanisch angehauchter Song.
Am nächsten Tag Barcamp: Abgehalten wurde es in den Räumen der Qafqaz Universiteti – einer türkischen Universität in Baku. Natürlich begrüßte Atatürk per Foto in jedem Vorlesungsraum. Ebenso Heydar Aliyev (rechts Foto im Foto), ehemaliger Präsident von Aserbaidschan (links). Und unten auf dem Podest standen dann alle wichtigen Herren in echt – vom Bildungsministerium bis zur Telekom. Und alle hielten sie ihre Rede. Worüber? Na ja, mein Aserbaidschanisch ist ähnlich gut wie mein Russisch und die englische Übersetzung kam nur sporadisch. Sie schienen jedenfalls zu betonen, welche Bedeutung sie in dieser Veranstaltung für Baku und Aserbaidschan sehen.
Die Sessionvergabe verlief wie auf jeden Barcamp. Die Tafel war voll – und welch ein Glück – voller englischer Sessions, aber auch russische und wenige auf Aserbaidschanisch. Meine Wahl fiel auf:
- „Open Source Documentation“ – Docbook, LaTeX & Co. sowie Vereinfachungen dafür
- „34 – Magazine on CD“ – wie ein weißrussisches Jugendmagazin der Zensur entkam
- „Transitions Online (TOL)“ – Neukonzeption von „Transitions, einer Onlinezeitung für Osteuropa und Zentralasien (von Andy aus Prag bzw. den USA)
- „Ajax Frameworks“ (von Sultan aus Kirgisistan)
- 2 x „Startup Financing“ (von Monte und Cord von Mikestar)
Das macht natürlich hungrig. In der Mensa gab es gutes Essen. Abwechselnd vegetarisch oder auch nicht. Jenachdem, wie die Kelle eingetaucht wurde. Bei mir war es eher vegetarisch: Getrocknete-Aprikosen-Soße auf Reis. War erstaunlich gut. Noch besser wurde es am Abend: Bei aserbaidschanischem Wein und türkischen Bier genossen wir die einheimische Küche. Lecker. Verdammt lecker. Selbst hingehen, ausprobieren :)
Der nächste Tag begann mit einem Telefonanruf. Der Bus geht in 30 min. Da lag ich noch im Bett. Der Vorabend im Bowlingcenter und dann in der Hotelbar war lange. OK, schnell geduscht, das gute Frühstücksbuffet genossen und los ging’s. Zu Delta Telecom – nicht nur Hauptsponsor, auch wichtigstes Telekomunikationsunternehmen in Aserbaidschan. Zum Beispiel, weil sie den Backbone betreiben. Und den gab es nun zu besichtigen. Die Männer in weißen Kitteln an den Schaltpulten wirkten etwas wie aus einer Filmszene eines 60er-Jahre-James-Bond-Filmes entsprungen. Ob sie nichts dreckig machen sollten oder sich selbst nicht dreckig machen wollten, ist nicht ganz geklärt. Zurzeit ist das Rechenzentrum im Aufbau und da fällt schon mal Staub an.
Danach ging es zurück in die Uni. Alle Sessions an diesem Tag waren von den Sponsoren. Aber das störte nicht. Ihar aus Weißrussland und zurzeit aus der Schweiz gab einen sehr guten Überblick über (fast) alle Aktivitäten Googles. Charles McCathieNevile aus Spanien, zwischendurch Norwegen, Frankreich, sonstwo und ursprünglich aus Australien, folgte mit einem Vortrag über Opera und deren Pläne. Abgeschlossen wurde mit der Vorstellung kommender Barcamps in Osteuropa und Zentralasien.
Zur Entspannung dan zwischendurch ein Stadtrundgang in kleiner Gruppe. Leider, leider, leider war es streng verboten die Metro / U-Bahn von Baku zu fotografieren. Sie ist wunderschön und mit mehr Polizisten überfüllt als der Flughafen. Dafür konnte die Bergbahn fotografieren und mit ihr zu einem schönen Aussichtspunkt oberhalb der Altstadt fahren.
Zum Abschluss gab es eine weitere Party in einem Billardclub. Für Berliner sind die Preise von 5 Manat für ein Bier und 10 für eine Pizza allerdings astronomisch. Ein Manat ist einem Euro ziemlich gleichwertig. Das änderte aber nichts an der Stimmung. Einfach „Lezginka“ auflegen und die Party läuft von alleine.
Tja, und dann ging es auch wieder nach Hause (natürlich machte Aeroflot Probleme mit den Tickets). Für mich war es eines der schönsten Barcamps. Wenn man in Westeuropa vieles über die neuesten Trends lernt, lernt man auf dem Barcamp Caspian viel über Menschen. Ich habe viele neue Freunde gewonnen, nicht nur aus Aserbaidschan, auch aus Russland, Weißrussland, der Ukraine, Kirgisistan, Kasachstan, der Türkei und sogar ein paar westlichen Ländern. Gerne wieder, die nächsten Barcamps bei Moskau und in Bishkek (Kirgisistan) sind schon in der Planung.

[…] re:publica weiter. Das Barcamp Caspian wird mir in besonders guter Erinnerung bleiben. Einen etwas persönlicheren Blick auf das Barcamp Caspian gibt es von mir im Susuh-Blog. Werde […]
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